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ZDF feiert falsch zitierte Studie als Recherche-Erfolg

Die ZDF-Reporterinnen Sarah Ulrich und Ciara Cesaro-Tadic glauben, in ihrer Dokumentation über Abtreibungsgegner angeblichen Rechtsextremismus und gefährliche Methoden der deutschen Lebensrechtsbewegung aufgedeckt zu haben. Dabei verdrehen sie die Fakten einer wissenschaftlichen Studie. Die ARD zeigt, wie es besser geht.



Eine von der Bundesregierung einberufene Expertenkommission riet vergangene Woche zur Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und zur Abschaffung des Paragraphen 218 aus dem Strafgesetzbuch. Die gesellschaftliche Debatte lodert wieder auf und eine ZDF-Dokumentation zum Thema spielt eine unrühmliche Rolle dabei. Denn man muss in dieser Debatte keine Seite einnehmen wollen: Man muss weder ein glühender Anhänger der Lebensrechtsbewegung sein noch sich den Selbstbestimmungs-Verfechtern der „Pro Choice“-Bewegung zugehörig fühlen. Man muss allenfalls vom demokratischen Grundprinzip des Meinungspluralismus und der journalistischen Sorgfaltspflicht überzeugt sein, um diese Dokumentation des ZDF-Hauptprogramms auf das Schärfste zurückzuweisen.


Hintergrund


Am 19. Februar veröffentlichte das ZDF eine Dokumentation von Sarah Ulrich und Ciara Cesaro-Tadic mit dem Titel „Das gefährliche Netz der Abtreibungsgegner“. Es ist eine Ausgabe der ZDF-Sendereihe „Die Spur“, deren Reporterinnen und Reporter laut eigenem Anspruch „Missstände recherchieren und rekonstruieren“ sowie „Verantwortliche aufspüren“. Das Reporterinnen-Duo rühmt sich darin zweier „Recherche-Erfolge“: Die Aufdeckung angeblich rechtsextremistischer Einflüsse auf die deutsche Lebensrechtsbewegung und die Aufdeckung angeblich körperlich gefährlicher Methoden der Schwangerenkonfliktberatung durch den Bundesverband Lebensrecht auf Basis einer einzigen, falsch zitierten Studie.


Brandmarkung der Lebensrechtsbewegung als rechtsextrem


„Welche Rolle spielen rechte und rechtsextreme Gruppierungen für die Anti-Abtreibungsbewegung […] Und wie weit reicht ihr Einfluss?“ fragen sich die Macherinnen zu Anfang, womit sie dem frappierenden Mangel an analytischer Trennung zwischen rechts und rechtsextrem bereits vorgreifen. Denn die Vermengung von demokratisch legitimen Lebensrechtsdemonstranten mit rechtsextremen, fundamentalistischen und menschenrechtsfeindlichen Positionen zieht sich durch weite Teile der Dokumentation.


Der Film beginnt mit dem „Marsch für das Leben“ in Berlin am 16.9.2023 und unterstellt von Anfang an eine rechtsextreme Unterwanderung und Einflussnahme auf die deutsche Lebensrechtsbewegung. Den vermeintlichen Beweis führt das Reporter-Duo, indem sie zwei AfD-Politiker (Martin Kohler und Joachim Kuhs) und einen unbekannten Sympathisanten identifizieren, die auf dem Marsch mitlaufen. Weiterhin werden zwei AfD-Politiker benannt, die sich in der Vergangenheit positiv zu dem Marsch geäußert haben (Maximilian Krah und Beatrix von Storch). Darin erschöpft sich der selbst erklärte „Rechercheerfolg“ zum „Einfluss der AfD“ (Min. 8:43) – leidglich, indem die Reporterinnen einzelne Mitdemonstranten der aus ihrer Sicht falschen Seite entlarven.


Immerhin: Dem Vorwurf des Bundes der katholischen Jugend, die Organisatoren grenzten sich nicht klar genug vom rechten (sic) Milieu ab [1], dürfen der Sprecher der deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, sowie die Vorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA e.V.), Cornelia Kaminski, vor laufender Kamera widersprechen. Solange keine politischen Parolen verbreitet werden, beanspruchen sie für sich, keine Gesinnungsprüfungen der Mitdemonstranten durchzuführen – genauso wenig, wie das „Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“ solche bei Antifa-Mitmarschierenden durchführt.


Völlig unbeachtet lassen die Reporterinnen in ihrer Doku nämlich die gewaltsamen Ausschreitungen linker Gegendemonstranten während des zeitgleichen Kölner Marsches für das Leben, im Zuge dessen die Polizei sieben Strafanzeigen u.a. wegen Körperverletzung gestellt hat.

 

Was in der Machart der Dokumentation damit offenbar wird, ist der einseitige Ausgrenzungsversuch einer streitbaren, aber legitimen demokratischen Meinung in Deutschland, indem eine systematische rechtsextreme Kontamination suggeriert wird. Und dies, obwohl Gewalt im Rahmen der Märsche faktisch von linker Seite ausging.

Davon unberührt bleibt der dritte Teil der Dokumentation über christlich-fundamentalistische und teils demokratiefeindliche globale Netzwerke und Geldflüsse, wie etwa über die „American Society for the Defense of Tradition, Familiy and Property“ [2]. Zweifelsohne hat die Berichterstattung darüber einen Erkenntnismehrwert für den Zuschauer. Nur kann daraus nicht automatisch ein systematischer Einfluss auf die deutschen Demonstrationen abgeleitet werden. Das delegitimiert das Anliegen vieler Lebensrechtler. Darüber hinaus fällt in der Doku eine weitere brachiale journalistische Fehlleistung fällt auf.


Nur eine, falsch zitierte Studie als Beleg


Wenn Frauen einen Schwangerschaftsabbruch per Tabletteneinnahme vorgenommen haben und rückgängig machen wollen, können sie, ärztlich kontrolliert, Progesteron-Präparate zum Schwangerschaftserhalt einnehmen. Wie die Reporterinnen feststellen, bewirbt die Stiftung „Ja zum Leben“, Mitglied des Bundesverbandes Lebensrecht, diese Methode auf ihrer Webseite. „Hier wird gerade damit geworben, dass man eine medikamentöse Abtreibung stoppen kann“, wundert sich Reporterin Cesaro-Tadic ab Minute 10:30 und fragt sich: „Kann es [das Progesteron-Präparat, red.] eine angefangene Abtreibung wirklich rückgängig machen?“ Dazu befragt sie Mitchell Creinin, Professor der University of California und behauptet: „Er hat 2020 die weltweit einzige anerkannte Studie zu dieser Methode veröffentlicht.“


Creinin sagt, er habe seinen Patientenversuch aus Sicherheitsgründen abbrechen müssen, weil einige der Frauen starke bis massive Blutungen erlitten hätten [3]. Reporterin Cesaro-Tadic subsumiert: „Es gibt keine wissenschaftlichen Grundlagen, die beweisen, dass man eine Abtreibung mit der Progesteron-Pille rückgängig machen kann. Im Gegenteil: Die Untersuchung zeigt, die Behandlung kann sogar gefährlich sein.“


Dies stellt das ZDF falsch dar. Fakt ist: Laut Studie ist nicht die Behandlung mit Progesteron gefährlich, sondern die Behandlung mit dem Abtreibungsmedikament Mifipreston an sich.


In der Studie liest man: „Aufgrund von Sicherheitsbedenken bei der Verabreichung von Mifepriston [Präparat zur Auslösung des Abbruchs, red.] konnten wir die Wirksamkeit von Progesteron nicht abschätzen.“[4] Weiter besagt die Studie: Die sehr kleine Versuchsgruppe betrug zehn Probandinnen mit medikamentös (durch Mifipreston) ausgelöstem Schwangerschaftsabbruch, von denen fünf das Progesteron-Präparat zum Erhalt der Schwangerschaft bekommen haben und fünf ein wirkungsloses Placebo. Vier der fünf Progesteron-Probandinnen konnten die Schwangerschaft ohne Nebenwirkungen aufrechterhalten, eine erlitt Blutungen. Bei der Placebogruppe, erlitten zwei Frauen Blutungen. Danach wurde das Experiment abgebrochen. Die Blutungen der Probandinnen wurden auf das Abbruchmedikament Mifipreston zurückgeführt und nicht auf das Progesteron.[4]

 

Damit ist die Aussage der ZDF-Reporterin zur Gefährlichkeit von Progesteron nicht nur falsch, sondern konträr zu den Befunden – zumindest auf Basis dieser Studie, die als einzige Quelle für den Rechercheerfolg herangezogen wird.

Trotzdem resümieren die Reporterinnen: „Wir können mit unserer Recherche hier erstmals für Deutschland beweisen, dass die von Lebensschützern angebotene Beratung falsche Informationen zu einer angeblich medizinischen Beratung verbreitet, für deren Wirkung es keinerlei wissenschaftliche Belege gibt – die sogar gefährlich sein kann […] (Minute 17:00). Sie rühmen sich erneut eines Rechercheerfolges, basierend auf einer einzigen, offenbar falsch verstandenen Studie.


Wären sie ernsthaft daran interessiert gewesen, den Sachverhalt ausgewogen und aktuell darzustellen, hätte Cesaro-Tadic mit unaufwändiger Recherche weitere Studien, z.B. auch eine aktuelle Meta-Studien mit breiterer Datenbasis[5] finden oder zumindest auf die medizinisch und medizinethische Kontroverse zum Thema hinweisen können.




Gegenbeispiel ARD


Dass ausgewogene Berichterstattung über die Kontroverse zu Schwangerschaftsabbrüche durchaus möglich ist, zeigt eine vergleichbare Dokumentation des ARD-Jugendformats „Y-Kollektiv“, die nur wenige Monate älter ist. Eine junge Redakteurin besuchte ebenfalls den „Marsch für das Leben“ sowie die Gegendemonstrationen des „Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung“, wo auch regelmäßig Antifa-Mitglieder vertreten sind, und konfrontiert beide Seiten mit der Argumentation der jeweils anderen. Die Redakteurin offenbart, dass sie selbst einen Abbruch hat vornehmen lassen. Dies hat aber offensichtlich keinen Einfluss auf ihre Art der Berichterstattung. Sie präsentiert Betroffenenaussagen von Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch hatten, mit unterschiedlichen Implikationen:  Manche berichten davon, ihre Entscheidung nicht zu bereuen, andere geben offen zu, damit zu hadern. Diese Dokumentation zeugt von echter Ausgewogenehit und gibt den gesellschatlichen Abwägungsdiskurs zwischen Selbstbestimmung und Recht auf Leben angemessen wieder.



 

[1] Stellungnahme des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend vom 14. September 2023: https://bdkj.koeln/fileadmin/material/presse/Pressestatement_Marsch_f%C3%BCr_das_Leben_BDKJ_Koeln.pdf


[2] Webseite der "American Society for the Defence of Tradition, Familiy and Property": https://www.tfp.org/


[3] Er sagte: „Unseren ersten Versuch, das zu untersuchen [Wirkung von Progesteron, red.] mussten wir aus Sicherheitsgründen abbrechen. Eine Patientin blutete sehr stark, eine weitere ebenfalls. Und noch eine hatte massive Blutungen [...]“ (Minute 11:32)


[4] Originalzitat der Studie, veröffentlicht in der medizinischen Fachzeitschrift Obstetrics & Gynecology: "We could not estimate the efficacy of progesterone for mifepristone antagonization due to safety concerns when mifepristone is administered without subsequent prostaglandin analogue treatment. Patients in early pregnancy who use only mifepristone may be at high risk of significant hemorrhage." Quelle: Creinin, Mitchell et al. (2020): Mifepristone Antagonization With Progesterone to Prevent Medical Abortion. A Randomized Controlled Trial, In: Obstetrics & Gynecology, Vol 135, Issue 1, S.158-165, verfügbar unter: https://journals.lww.com/greenjournal/abstract/2020/01000/mifepristone_antagonization_with_progesterone_to.21.aspx


[5] Eine aktuelle Meta-Studie untersucht 16 Einzelstudien zur Progesteron-Methode: DeBeasi, Paul L.C. (2023): Mifepristone Antagonization with Progesterone to Avert Medication Abortion: A Scoping Review, In: Catholic Medical Association, Vol. 90, Issue 4, verfügbar unter: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/00243639231176592


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